„Weihnachten in Bethlehem“ 24.12.2015

24. Dezember 2015
19:15

Weihnachtsprogramm – „Weihnachten in Bethlehem“ an Heiligabend, 24.12.2015, um 19:15 Uhr im ZDF

Mainz (ots). Das ZDF präsentiert an Heiligabend ein Konzert aus Bethlehem. Markus Lanz begrüßt am Donnerstag, 24. Dezember 2015, 19.15 Uhr, in der Katharinenkirche, die direkt neben der Geburtskirche steht, internationale Künstler aus Klassik und Unterhaltung.

Zu Gast sind Chris de Burgh, Tenor Klaus Florian Vogt, Maite Kelly, Geiger Daniel Hope, die Regensburger Domspatzen und andere. Auf dem Programm stehen Weihnachtsklassiker wie „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ und „Kommet, ihr Hirten“, aber auch moderne Lieder. Begleitet werden die Künstler vom Palästinensischen Orchester des nationalen Edward Said Konservatoriums, das sich aus muslimischen und christlichen Musikern zusammensetzt.

Neben dem musikalischen Programm bietet Markus Lanz in Kurzbeiträgen einen Einblick in das weihnachtliche Leben in Bethlehem. Er besucht unter anderen eine junge Geigerin und deren Familie, die ihm erzählen, wie Christen in Palästina Weihnachten feiern. Franziskanerpater Gregor, ein kundiger Reiseführer in Bethlehem, erläutert Markus Lanz die wechselvolle Geschichte der Geburtskirche. Mit Geburten hat auch Dr. Hiyam Marzouqa Awwad zu tun. Die Leiterin des Kinderkrankenhauses von Bethlehem schildert, wie die kleinen Patienten dort versorgt werden.

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Im Interview schildert Markus Lanz seine Eindrücke aus Bethlehem:

Wie ist Bethlehem zur Weihnachtszeit?

Betlehem ist ein ungeheuer faszinierender Ort, in vielerlei Hinsicht, denn es gibt nicht viele Orte auf Erden, an denen so viel zusammenkommt. Auf der einen Seite ist diese kleine Stadt in Palästina der vielleicht wichtigste Ort der Christenheit, also ein Ort der Freude. Und auf der anderen ist es ein ungeheuer komplizierter Ort, weil man all das, was wir jeden Abend in den Nachrichten sehen, förmlich fühlen und mit Händen greifen kann: die Wut zwischen Israelis und Palästinensern, die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, weil es kaum Arbeit gibt, die Steine, die fliegen, das Tränengas. Und dann diese schreckliche Mauer, acht Meter hoch! Für jemanden, der aus Deutschland kommt, ist diese Mauer besonders bedrückend, weil wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, dass Mauern immer das Trennende betonen und niemals das Gemeinsame. Wer vor dieser Mauer steht, versteht vieles. Mir hat ein junger Palästinenser auf dem Markt von Betlehem gesagt: „Egal, was ich mache und wohin ich gehe: Ich laufe mein ganzes Leben lang ständig gegen irgendwelche Mauern. Das ist so frustrierend!“

Wie feiern die Christen in Palästina das Weihnachtfest?

98,5 Prozent der Einwohner sind Muslime, also muslimische Palästinenser. Das heißt, die wenigen Christen, die es gibt, sind in gewisser Weise schon Exoten. Ich war sehr überrascht zu sehen, dass sie wirklich ganz ähnlich feiern wie wir. Das geht so weit, dass im Wohnzimmer sogar eine Weihnachtstanne steht. Dabei läge eigentlich ein Olivenbaum sehr viel näher (lacht). Man beschenkt sich, es gibt Gebäck, dazu üppiges, landestypisches Essen. Die Stimmung ist sehr andächtig und würdevoll. Und die Christen in Betlehem haben natürlich das Privileg, die Heilige Nacht in der Geburtskirche zu feiern – vorausgesetzt, sie kümmern sich rechtzeitig um Eintrittskarten. Näher kann man an der Weihnachtsgeschichte nicht dran sein.

Sie waren für das ZDF-Konzert „Weihnachten in Bethlehem“ auch nah an der Geburtskirche.

Ja, direkt nebenan. Wir haben in der Kirche St. Katharina gedreht, weil die Geburtskirche gerade restauriert wird. Die beiden Gotteshäuser sind praktisch aneinander gebaut.

Was ist das Besondere an der Katharinenkirche?

Von der Katharinenkirche aus führt ein schmaler Tunnel direkt hinunter in die Grotte, wo sich der Überlieferung zufolge der Ort befindet, an dem Jesus geboren wurde. Es ist ein Ort, der nicht nur Christen in seinen Bann zieht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass dort oder zumindest in unmittelbarer Nähe, etwas Besonderes passiert ist, ist tatsächlich ziemlich groß. Wenn man mit Kirchenhistorikern spricht, dann sagen sie: Es ist nicht auszuschließen, dass Jesus an einem anderen Ort zur Welt gekommen ist. Aber: Wenn es Betlehem war, und dafür spricht einiges, dann war es nicht irgendwo in Betlehem, sondern vermutlich an diesem Ort. Man kann es Spiritualität nennen, man kann es eine besondere Energie nennen: Die Tatsache, dass dort so viele Menschen aus allen Teilen der Erde zusammenkommen, dass beispielsweise Christen aus Polen mit Christen aus dem äthiopischen Hochland beten und feiern, macht diesen Ort so schön. Und es macht Hoffnung: Wir müssen offenbar nicht ständig aufeinander losgehen, es geht auch anders.

Sie moderieren nicht nur das Konzert in der Katharinenkirche, sondern stellen auch Menschen und Institutionen in Bethlehem vor, die in Beiträgen während der Sendung zu sehen sein werden. Wer oder was hat bei Ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Es war einerseits die Geburtsgrotte selbst: Das hat überhaupt nichts Prunkvoll-Protziges, sondern ist alles sehr einfach und gerade deshalb so schön. Ich dachte immer wieder: Darauf müsste man sich wieder viel mehr besinnen. Und es gab noch etwas, was mich berührt hat, nämlich der Besuch im Kinderhospital von Betlehem. Es ist das einzige Krankenhaus weit und breit in dieser Qualität und finanziert sich fast ausschließlich von Spenden, von denen ein großer Teil übrigens aus Deutschland kommt. Die Leiterin dieses Krankenhauses, Dr. Hiyam Awad Marzouqa, hat in Würzburg studiert und für sich entschieden, nicht in Deutschland zu bleiben und den mit Sicherheit leichteren Weg zu gehen. Stattdessen ist sie in ihre sehr komplizierte Heimat zurückgekehrt und leistet dort mit bescheidenen Mitteln unglaublich viel Gutes, von dem unzählige Kinder profitieren. Viele von ihnen würden ohne dieses Krankenhaus sterben.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Es war ein bisschen so wie die ganze Situation im Land: manchmal schwierig, manchmal etwas unübersichtlich, manchmal chaotisch, weshalb wir sehr viel spontan improvisieren mussten, aber eben auch: sehr, sehr herzlich und gastfreundlich.

Wie werden Sie Weihnachten feiern?

Ganz traditionell mit Baum, Kirche und Keksen (lacht), so wie jede andere Familie auch. Wir sind an Weihnachten immer zu Hause, weil es eine der wenigen Gelegenheiten ist, bei der wirklich die ganze Familie zusammenkommt. Ich habe nie so richtig verstanden, warum man an Weihnachten zehntausend Kilometer weit fliegen sollte, um irgendwo unter einer Palme zu liegen.

Werden Sie etwas von der erdverbundenen Weihnachtsatmosphäre für sich und Ihre Familie adaptieren?

Ja, schon. Und ich merke an mir selbst, dass mich dieser totale Weihnachtskommerz immer mehr abstößt. Ich glaube übrigens, dass ich da nicht allein bin. Ein paar selbstgestrickte Socken von meiner Mutter erfreuen mich mehr als fast alles andere.

Welche Rolle spielt Musik an Weihnachten für Sie?

Eine große! Ich hab ziemlich früh, ich glaube mit elf oder zwölf, in unserer kleinen Bergkirche in Südtirol das Harmonium gespielt. Das lag nicht daran, dass ich so gut war, sondern dass ich der einzige war, der es wenigstens ein bisschen konnte (lacht). Ich weiß noch, wie kalt es in der Weihnachtsnacht in dieser Kirche war. Und ich weiß noch, wie der Schnee unter den Schuhen knirschte, wenn wir hinauf auf den Berg zur Kirche gingen. Je kälter, desto mehr knirschte es. Ab zwanzig Grad minus klingt Schnee anders (lacht). Das vergisst man nicht.

Apropos nicht vergessen: Mit welchen persönlichen Eindrücken sind Sie aus Bethlehem zurückgekehrt?

Wir sollten schätzen, was wir haben. Denn wir müssen nicht ständig durch irgendwelche Checkpoints, an denen unsere Kinder auf dem Weg ins Krankenhaus sterben, weil wir nicht über die Grenze gelassen werden. In einem Europa, in dem Staaten wieder anfangen, Zäune zu errichten und sich abzuschotten, sollten wir darüber ab und zu mal nachdenken.

Was ist das Fazit dieser Reise?

Ich habe in diesem Jahr viele Seiten dieser Region erleben dürfen, denn ich war in diesem Jahr schon zweimal für Dreharbeiten in Israel unterwegs und jetzt auch in Palästina. Ich habe im Februar erlebt, dass die Stimmung einigermaßen friedlich und entspannt war. Ich habe im April erlebt, dass alles einigermaßen friedlich und entspannt war. Und ich habe jetzt im Dezember erlebt, wie schnell das alles kippen kann. Ich habe aber auch erlebt, wie ungeheuer gelassen die Menschen mit dieser schwierigen Situation umgehen. Und ich habe gelernt: Man sollte niemals ein Urteil über die eine Seite fällen, bevor man nicht auch die andere gehört hat.

Die Fragen stellte Güngör Öztürker

Weihnachtsprogramm – „Weihnachten in Bethlehem“ an Heiligabend, 24.12.2015, um 19:15 Uhr im ZDF