Insektenschutz braucht Zeit und Handarbeit

5.7.2021 Memmingen. Viele Grünflächen der Stadt sind insektenfreundlich – die Pflege ist immer ein Kompromiss.

Im Alten Friedhof wogt das Gras noch friedlich im leichten Wind. Seitdem das Grundstück nicht mehr als Ruhestätte dient, gilt es als Grünanlage mit Denkmälern.

Und wie in jeder städtischen Grünanlage auch, rücken hier früher oder später die Frauen und Männer des städtischen Gartenamts mit ihren Geräten und Maschinen an.

„Egal wann wir mähen, den einen ist es immer zu früh, den anderen immer zu spät“, spricht Gartenamtsleiter Michael Koch die Hauptproblematik bei den Mäharbeiten an.

Dabei brauchen die verschiedenen Teams, die aus den rund 15 Mitarbeitenden gebildet werden, ganze fünf Wochen um nach dem Frühjahr alle städtischen Grünflächen einmal zu mähen. Insgesamt werden die Flächen drei bis fünf Mal jährlich gemäht. Bei intensiv genutzten Arealen wie Spiel- und Bolzplätzen kommen die verschiedenen Sensen oder Mäher natürlich öfter zum Einsatz und muss je nach Wetter alle zwei Wochen angerückt werden.

Bei einem extensiv genutzten Bereich wie dem Alten Friedhof, kommt erst Ende Juni der erste Schnitt. Und zwar ohne die mittlerweile oft üblichen Mähsauger, betont der Gartenamtmeister Reiner Graßl: „Die sind nämlich gleich in dreierlei Hinsicht schädlich. Die saugen die Insekten mit ein, die Samen der Pflanzen die darauf stehen und außerdem die feinen humusbildenden Grasreste, die diese Flächen behutsam und ökologisch düngen.“

Da in Memmingen jedoch darauf geachtet wird, dass die einheimischen Pflanzen wieder aussamen, wäre das absolut kontraproduktiv. Auch wenn somit Rechen und Aufsammeln des Grünguts erst nach dem Mähen erfolgen kann. „Wir haben also einen Arbeitsschritt mehr“, sagt Graßl.

Vermehrt extensive Flächen

Nachdem Kochs Vorgänger Rudolf Schnug alle Spindelmäher, wie man sie für sehr kurze Rasenflächen verwendet, schon in den 1990er Jahren in den Ruhestand geschickt hatte, wurden nicht nur die extensiv genutzten Flächen von Jahr zu Jahr mehr.

Auch das bei vielen Rasenliebhabern sehr beliebte Mulchen entfällt in Memmingen seit langer Zeit. Mulchen von Böschungen oder Bachufern zerstört oftmals Lebensraum für Kleinstlebewesen und Tiere. Zudem werden die Flächen durch das Liegenlassen des Schnittguts auf Dauer überdüngt.

Mulchmäher kommen beim Gartenamt nur noch selten zum Einsatz, während sie bei den Straßenbauämtern noch oft zu sehen sind.

„Die Leute sind da außerdem oft irritiert, dass wir nur bis zu einem bestimmten Punkt mähen, aber wir arbeiten bei den Staatsstraßen mit dem Kempter Straßenbauamt und bei manchen Flächen in der Nähe der Autobahn mit der Autobahmeisterei zusammen. Da kann es schon sein, dass es für Außenstehende manchmal komisch wirkt, wenn an den Zuständigkeits-Schnittpunkten auf einmal nicht mehr weitergemäht wird. Aber wir wollen ja nicht, dass alle Gräser gleichzeitig weg sind. Das bringt den Insekten auch nichts“, erklärt Reiner Graßl.

Insgesamt sei das Grünkonzept immer ein Kompromiss zwischen dem Nutzen und der Ökologie, sagt der Memminger Gartenamtsleiter Michael Koch. Wer nur auf Flora und Fauna achtet, dürfte eigentlich erst nach dem Sommer mähen. Aber das funktioniert bei den wenigsten Flächen in der Stadt. Wer eine Rasenfläche jedoch für Veranstaltungen oder zum Spielen nutzen will, der braucht kurzes Grün. Die städtischen Grünflächen könne man eben nicht mit dem Garten eines Einfamilienhauses vergleichen.

Nicht mit dem Privatgarten vergleichen

Das trifft auch auf die Gerätschaften des Gartenamts zu: Motorsensen, Balkenmäher, Sichelmäher mit vier oder sechs Mähwerken, Großflächenmäher oder auch ein Kehrladewagen, der das Schnittgut auch auf den Wegen mit seinen Bürsten aufkehren kann. Der Fuhrpark ist relativ abwechslungsreich und wird von der Werkstatt des Bauhofs betreut. Was ebenfalls in großer Zahl benötigt wird, sind die vielen Hand-Rechen: „Da die täglich im Einsatz sind, brauchen wir jedes Jahr um die 40 Stück, die neu angeschafft werden“, gibt Graßl Auskunft.

Die Zusammenarbeit mit dem Bauhof, aus dem das Garten- und Friedhofsamt vor gut 30 Jahre ausgegliedert wurde, ist auch weiterhin wichtig. Am Naturdenkmal Dickenreiser Allee zum Beispiel: außerhalb der Stadt ist der Bauhof zuständig, innerhalb das Gartenamt. Da hier jedoch auch der alte Entwässerungsgraben ausgemäht werden muss, sind zum Teil geländegängige Gerätschaften nötig, die im Bauhof vermehrt zum Einsatz kommen. Da ist Team-Work angesagt. Vor allem weil die Allee unter besonderem Schutz steht.

Nach den Flächen kommen die Hecken

Da die Arbeit im Sommer um ein Vielfaches mehr ist, als im Winter, sind bei Michael Koch einige Saisonkräfte angestellt. Im Frühjahr geht es los mit Aufräumarbeiten, dann die Grünflächen und wenn die einigermaßen im Griff sind, geht es ans Heckenschneiden. Auch hier wird jedoch darauf geachtet, dass zum Beispiel die Spiersträucher erst nach der Blüte beschnitten werden.

Und auch hier gilt das Gleiche wie bei den Grünflächen:

„Wir können es den Leuten anscheinend nie recht machen. Den einen ist es zu früh, den anderen zu spät, dass wir kommen. Aber was beides Mal zutrifft: es geht nicht schneller, wenn man bei uns anruft. Wir haben einen ausgeklügelten festen Mähplan, an dem sich unsere Mitarbeiter orientieren.“