„Wohnen für Hilfe“

31.10.2018 Landkreis Unterallgäu. Der eine bewohnt allein ein ganzes Haus. Der andere sucht händeringend nach bezahlbarem Wohnraum. Der eine wäre froh, wenn da jemand wäre, der ab und zu den Rasen mähen könnte, etwas vom Metzger mitbringt oder ihn zum Arzt fährt.

Vielleicht besteht auch nur der Wunsch, dass noch jemand im Haus ist, der Sicherheit vermittelt und als Ansprechpartner dient. Der andere kann sich gut vorstellen, genau für diese Menschen im Alltag da zu sein. An dieser Stelle setzt ein neues Projekt an, das von einer Arbeitsgruppe im „Netzwerk Altenhilfe und seelische Gesundheit“ erarbeitet wurde und im Rahmen des Seniorenkonzepts des Landkreises Unterallgäu umgesetzt werden soll: „Wohnen für Hilfe“ nennt es sich. Es basiere auf dem Prinzip der „Gegenseitigkeit“ und bringe Menschen in verschiedenen Lebensphasen zusammen, erklärt Seniorenkonzept-Koordinator Hubert Plepla. Jetzt sucht er Gemeinden oder Organisationen, die die Umsetzung vor Ort in die Hand nehmen.

In mehreren Gemeinden in Bayern gibt es bereits ähnliche Konzepte. Ausschlaggebend dafür, dass „Wohnen für Hilfe“ auch im Unterallgäu ein Thema ist, war die Sebastian-Kneipp-Schule in Bad Wörishofen. Fachlehrer Michael Dodel bekam immer wieder mit, wie schwierig es für die Schüler trotz eigenem Schüler-Wohnheim und Unterstützung bei der Suche sein kann, für die Dauer ihrer Ausbildung eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

WERBUNG:

„Andererseits gibt es viele Menschen, die auch im höheren Alter am liebsten im eigenen Zuhause wohnen möchten – allein können sie den Alltag dort aber nur sehr mühsam bewältigen“, sagt der Fachlehrer. Mit seiner Idee, beide Gruppen zusammenzubringen, rannte er bei Hubert Plepla sowie dem Arbeitskreis „ambulante Hilfen und Anlaufstellen“ offene Türen ein. Gemeinsam wurde das passende Konzept für den Landkreis erarbeitet. Es soll bestehenden Angeboten wie der Nachbarschaftshilfe keine Konkurrenz machen, eine Verzahnung der Angebote erfolgt innerhalb der bestehenden Netzwerkarbeit.

Und so geht es nun bei „Wohnen für Hilfe“ im Kern darum, dass beispielsweise Studierende, Auszubildende, Menschen mit geringem Einkommen oder einfach jemand, der sich sozial engagieren möchte, bei Senioren mit Hilfe- und Unterstützungsbedarf wohnen können. Als Gegenleistung für den kostenlos überlassenen Wohnraum helfen sie dabei, dass ihr „Vermieter“ seinen Alltag zuhause besser bewältigen kann. Ausdrücklich davon ausgeschlossen seien aber professionelle Pflegeleistungen, betont Plepla.

Profitieren sollen von dem neuen Projekt also beide Seiten – der so genannte „Wohnraumgeber“ ebenso wie der „Wohnraumnehmer“. Damit die Sache nicht zu einer einseitigen Angelegenheit wird, unterschreiben beide Seiten zu Beginn einen Vertrag. Darin wird unter anderem genau festgelegt, welcher Wohnraum allein genutzt werden darf und es werden Absprachen für die Nutzung der „Gemeinschaftsräume“ wie etwa Küche, Wohnzimmer oder Keller getroffen. Auf der anderen Seite wird im Vertrag aber auch festgehalten, welche Hilfeleistungen in welchem zeitlichen Umfang erbracht werden sollen.

Als Faustregel schlagen die Mitglieder des Arbeitskreises vor, dass pro Quadratmeter überlassenen Wohnraums, der allein genutzt werden kann, eine Stunde Hilfe im Monat geleistet wird. Dabei kann es sich um Hausarbeiten wie Putzen, Waschen oder Spülen handeln, um die Begleitung zum Arzt, zum Einkaufen oder bei Spaziergängen, um das Zubereiten von Mahlzeiten, um Gartenarbeit, um die Versorgung von Tieren oder um Hilfe am Computer. „Wichtig ist, dass die vereinbarten Hilfen für beide Seiten passen“, betont Plepla.

Koordiniert und begleitet werden soll das neue Projekt über feste, hauptamtliche Ansprechpartner in den Gemeinden – beispielsweise über Quartiersmanager oder Fachstellen. Diese werden sich darum kümmern, Interessenten zu beraten, passende Menschen zusammenzubringen und sie vor allem in den ersten Wochen und Monaten zu begleiten und zu unterstützen.

Info: Gemeinden und Organisationen, aber auch Menschen, die sich für das Projekt „Wohnen für Hilfe“ interessieren, können sich an Seniorenkonzept-Koordinator Hubert Plepla wenden. Er ist telefonisch erreichbar unter (08261) 995-457.