Formel 1: Großer Preis von Portugal 2020 – Vorschau

21.10.2020. Die Formel 1 kehrt beim zwölften Saisonlauf 2020 zu ihrem Debüt auf dem Autódromo Internacional do Algarve nach Portugal zurück.

Toto über Portugal

Es war ein ganz besonderer Moment, als Lewis in Deutschland die Ziellinie überquerte und seinen 91. Sieg einfuhr. Für Valtteri hätte es hingegen nicht viel schlechter laufen können. Er ging von der Pole Position ins Rennen und schied mit einem Problem aus – dadurch verlor er wertvolle Punkte in der Fahrer-Wertung. Das stellt zu diesem Zeitpunkt der Saison definitiv einen herben Rückschlag für ihn dar. Die Ursache für das Problem war eine defekte elektrische Komponente in der Kontrollelektronik. Es sieht aber so aus, als ob die schnelle Reaktion, das Auto aus dem Rennen zu nehmen, weitere mechanische Schäden an seiner Power Unit verhindert hat.

Ein Ausfall ist für jeden Fahrer hart, aber zu Valtteris größten Stärken zählen seine Unverwüstlichkeit und seine Fähigkeit zurückzuschlagen. Deshalb wird er sicher schon heiß darauf sein, in Portugal wieder auf die Strecke zu fahren. Portimão ist die zweite komplett neue Strecke in dieser Saison, was möglicherweise zu einigen Schwankungen im Kräfteverhältnis führen kann. Bei unserem ersten neuen Austragungsort in diesem Jahr haben wir in Mugello ein spannendes Rennen erlebt. Seitdem haben wir uns darauf konzentriert, uns bestmöglich auf die anderen neuen Kurse vorzubereiten und unsere Lernkurve zu verbessern, wenn wir auf eine neue Strecke kommen. Das wird ganz besonders entscheidend sein, wenn wir in Imola nächste Woche zum ersten Mal ein Zwei-Tage-Wochenende absolvieren müssen.

Die Performance des Autos war an den vergangenen Wochenenden sowohl im Qualifying als auch im Rennen gut und wir hoffen, dass wir diesen Schwung mitnehmen können.

Zahlen & Fakten: Portugal Grand Prix

Zu den auffälligsten Charateristiken von Portimão zählen die Höhenunterschiede. Die Strecke weist im Laufe einer Runde viele Steigungen und Gefälle auf, die teilweise recht steil ausfallen.

Die Wellenbewegungen sorgen für einige blinde Kurvenein- und Ausgänge, was das Lernen der Strecke und das Aufnahmen von Speed in den ersten Runden erschwert.

Aufgrund des flüssigen Streckenverlaufs und dem Fehlen von starken Bremszonen gehen wir davon aus, dass das Überholen in Portugal schwierig sein wird. Die einzige DRS-Zone liegt auf der Zielgeraden, durch die schnelle letzte Kurve wird es jedoch schwer, nah am Vordermann dran zu bleiben. Die DRS-Zone selbst ist allerdings sehr lang, wodurch die Fahrer die Gelegenheit erhalten sollten, näher an ihre Gegner heranzufahren.

Die Kurven 10 und 11 dürften der schwierigste Streckenteil für die Fahrer sein. Hierbei handelt es sich um eine doppelte Rechtskurve mit einem blinden Kurveneingang und einer Bergabpassage am Kurvenausgang.

Vor dem Rennwochenende ist allerdings noch unklar, ob Kurve 10 überhaupt als Kurve angesehen wird – auf einigen Streckenkarten ist dem so, dann hat die Strecke 15 Kurven, auf anderen ist es hingegen nicht der Fall, dann sind es nur 14 Kurven.

Auf dem Papier sollte die Strecke nach mehr Abtrieb verlangen, aber aufgrund der langen Zielgerade werden die Teams im Training wahrscheinlich unterschiedliche Flügeleinstellungen ausprobieren, um danach zu entscheiden, was wichtiger ist – schneller in den Kurven zu sein oder sich selbst auf der langen Geraden besser verteidigen zu können

Feature der Woche: Wie funktionieren F1-Simulationen?

Formel 1-Autos sind die komplexesten Automobile der Welt, ihre Erprobung auf der Rennstrecke und im Windkanal ist jedoch extrem stark eingeschränkt. Es gibt nur sechs Wintertesttage vor Saisonbeginn und an jedem Rennwochenende gibt es nur vier Trainingsstunden. Deshalb verlassen sich die Formel 1-Teams mehr denn je darauf, Daten in der virtuellen Welt zu sammeln – ein großer Teil davon geschieht mittels Simulationen. Dieser Bereich ist in der Saison 2020 noch entscheidender, da es viele neue Strecken im Rennkalender gibt.

Welche Simulationstypen verwenden die F1-Teams?

Die Formel 1-Teams setzen verschiedene Simulationsbereiche ein, um sich auf ein Grand-Prix-Wochenende vorzubereiten, aber die beiden wichtigsten sind der „Driver-in-Loop“-Simulator und Computersimulationen. Der „Driver-in-Loop“-Simulator (DiL) ist unsere virtuelle Teststrecke, hierzu werden unser Auto und die Rennstrecken unglaublich detailliert nachgebildet, um auf diese Weise das Auto weiterzuentwickeln, das richtige Setup zu finden und den Fahrern zu helfen, sich in einem virtuellen Umfeld auf einer Strecke zurechtzufinden. In diesem Rahmen verwenden wir eine individuell angefertigte Simulator-Anlage in unserer Fabrik. Der DiL ist vergleichbar mit einem professionellen Flugsimulator, mit dem Piloten trainiert werden. Der große Unterschied dabei ist, dass unser „Cockpit“ wie ein F1-Auto aussieht. In einer typischen DiL-Session legen unsere Renn- und Simulatorfahrer locker mehr als eine volle Renndistanz zurück. In der gleichen Zeit absolvieren wir tausende Computersimulationen, da vom Computer simulierte Runden zu 100% virtuell durchgeführt werden können. Dadurch können sie beschleunigt werden und parallel zu unseren anderen Simulationen laufen, um sowohl unsere Fahrzeugdynamik- als auch Strategiegruppen zu unterstützen. Der Wert dieser unterschiedlichen virtuellen Werkzeuge ist kritisch für ein F1-Team, besonders wenn wir noch nie zuvor auf einer Rennstrecke gefahren sind.

Wie genau ist der „Driver-in-Loop“-Simulator?

Die verwendeten Streckenmodelle sind unheimlich detailliert. Sie werden mit Hilfe von Lidar-Scans erstellt, bei denen Laserbilder verwendet werden, um eine 3D-Karte der gesamten Strecke und all ihrer Charakteristiken zu erstellen – von der Streckenoberfläche über die Kerbs bis hin zur Umgebung. Die F1-Teams arbeiten zudem mit Gaming-Unternehmen zusammen, um die Streckenumgebung so realistisch wie möglich wiederzugeben, da visuelle Hinweise für die Fahrer wichtig sind, um Brems- und Einlenkpunkte zu erkennen. Der Markt für diese hochkomplexen Streckenmodelle ist sehr klein, deshalb basieren die Simulationen mehrerer Teams auf den gleichen Streckendaten und Informationen. Der Simulator selbst wird so realistisch wie möglich gebaut – mit dem gleichen Chassis, Cockpit, Lenkrad und Pedalen wie im richtigen Auto. Die Fahrer sitzen oft in voller Rennmontur im Simulator, um ein komplett immersives Erlebnis zu haben. Viel Zeit wird dafür aufgewendet, das virtuelle Fahrzeugmodell mit dem realen Auto abzugleichen, damit es sich im Simulator genauso verhält wie auf der echten Rennstrecke. Auf diese Weise können wir im Simulator die gleichen Setupeinstellungen und Veränderungen durchspielen wie auf der richtigen Strecke und entsprechend sehen, wie sich die Balance oder die Performance dadurch verändern.

Warum ist der „Driver-in-Loop“-Simulator so wichtig und verändert sich die Herangehensweise bei neuen Strecken?

Er ist ein unglaublich wichtiger Teil unserer Vorbereitung und besonders entscheidend, wenn wir an eine neue Strecke kommen, auf der wir bislang noch keine Daten sammeln konnten. Während unsere Herangehensweise identisch bleibt, führt es dazu, dass das Team mehr davon abhängig ist, Informationen im Simulator zu sammeln. Aus diesem Grund fällt das Programm bei neuen Strecken umfangreicher aus. Auf einem Kurs, auf dem wir zuvor schon gefahren sind, absolvieren wir normalerweise ein Zwei-Tages-Programm im Vorfeld eines Rennwochenendes. Das entspricht rund 450 Runden und grob acht Renndistanzen. Der Großteil davon wird von unserem Team an Simulator-Fahrern absolviert, aber auch Lewis und Valtteri nutzen die Anlage. Auf einer neuen Strecke gibt es viel mehr zu tun. Deshalb kommen zwei weitere Tage während der Vorbereitung hinzu sowie ein Tag, an dem die Einsatzfahrer das Streckenlayout lernen. Die meiste Arbeit wird im Vorfeld des Rennwochenendes erledigt, aber die Arbeit stoppt nicht, sobald das Team an der Rennstrecke angekommen ist. Die Simulator-Abteilung absolviert bei jedem Grand Prix auch ein Freitagsprogramm und unterstützt die Fahrer sowie Ingenieure an der Strecke dabei, die Lehren des Trainingstages optimal umzusetzen. Nach dem Wochenende wird der Simulator erneut angeworfen, um ein Post-Event-Programm abzuspulen. Dabei versuchen wir, die Rennperformance besser zu verstehen und potenzielle Verbesserungen einzuschätzen. Diese entscheidende Vorbereitungsarbeit stellt sicher, dass das Team mit einem Auto an die Strecke reist, mit dem die Fahrer von der ersten Runde an pushen können.

Wie nutzen die Teams Computersimulationen, um Informationen zu sammeln?

Neben dem DiL-Programm gibt es eine weitere virtuelle Teststrecke, die allerdings komplett in einem Computer existiert. Aus dem DiL wird eine Datei mit der Ideallinie generiert, die dann vor jedem Event für hunderttausende virtuelle Runden verwendet wird und Terrabytes an Daten produziert. Die Ingenieure können diese Computersimulationen beschleunigen und sie parallel nebeneinander ablaufen lassen – auf diese Weise können in geringer Zeit enorme Mengen an Informationen gesammelt werden. Mit Blick auf die Fahrzeugdynamik konzentrierten sich die Ingenieure voll auf die Details – sowohl mit Blick auf Informationen zu ganz speziellen Teilen als auch darauf, wie das Auto auf sehr kleine Setupveränderungen reagiert. In den Simulationen wird eine riesige Anzahl an Setupmöglichkeiten durchgespielt und der Daten-Output (oft in Form von Graphen) kann nicht nur mit den anderen Computer-Versuchen, sondern auch mit den DiL-Daten oder Informationen aus dem echten Auto verglichen und überlagert werden. Bei diesen Computersimulationen spielen unsere technischen Partner eine entscheidende Rolle. HPE stellt die Infrastruktur und Hardware unseres Datenzentrums zur Verfügung, Pure Storage liefert Speicherlösungen und TIBCO bietet uns die Mechanismen, um die Ergebnisse der Simulationen zu visualisieren und Berichte zu erstellen. Sobald die Daten analysiert wurden, entscheidet das Team, in welche Richtung das Setup für die Freitagstrainings gehen soll. Dieses wird als Basis für die Weiterentwicklung des Autos auf der Strecke genutzt.

Welche anderen Bereiche des Teams nutzen Computersimulationen?

Ein weiterer kritischer Bereich für Simulationsarbeiten ist die Strategie. Die Computermodelle, die für die Strategiesimulationen eingesetzt werden, enthalten alle Fahrer und Teams, aber auch Annahmen für Boxenstopp-Szenarien und Streckenvariablen, wie etwa den Zeitverlust bei einem Stopp, den Reifenabbau und die Konkurrenzfähigkeit der Autos. Diese werden in Computersimulationen zusammengefasst, in denen realistische Schwankungen eine Vielzahl an Situationen darstellen. Auf diese Weise werden viele verschiedene Renn- und Qualifying-Szenarien simuliert, um die besten Strategieoptionen herauszufiltern – von den verwendeten Reifen über den Boxenstoppzeitpunkt bis hin zur Reaktion auf gewonnene oder verlorene Plätze am Start. Diese umfangreichen Strategiesimulationen sind auch sehr nützlich für das Erstellen des Programms für die Freitagstrainings. Denn sie zeigen auf, welche Informationen wir sammeln müssen oder auf welche Details das Team achten muss. Bevor wir überhaupt das erste Mal auf die Rennstrecke gefahren sind, haben wir bereits hunderttausende Strategiesimulationen hinter uns, um das Strategieteam in die bestmögliche Ausgangsposition für die Live-Sessions zu bringen.

Welche Herausforderungen mussten die Teams während dieser ungewöhnlichen Saison bislang meistern?

Eine der offensichtlichsten Herausforderungen für die Teams ist in dieser Saison die hohe Anzahl an neuen Strecken, auf die sie sich vorbereiten müssen. Normalerweise gibt es pro Saison nur eine brandneue Strecke. Die Simulationsarbeiten für diese unbekannten Kurse beginnt, sobald der Kalender bestätigt wurde, also im Normalfall sechs bis acht Monate vor dem Rennen. In dieser Saison hat sich der Kalender jedoch ständig verändert und die Rennen wurden erst zwei oder drei Monate vor ihrem Termin bestätigt. Und von den 17 bestätigten Rennen finden drei (Mugello, Portimão und der Bahrain Outer Circuit) auf Strecken statt, auf denen die F1 vorher noch nie gefahren ist. Hinzukommen drei weitere Strecken (Nürburgring, Imola und die Türkei), auf denen die F1 seit einiger Zeit kein Rennen ausgetragen hat. Dadurch ist es in diesem viel kürzeren Zeitraum auch viel schwieriger, die gleiche Informationsmenge wie gewöhnlich zu sammeln.

Kann man mit diesen Methoden alles simulieren?

Wir versuchen, mit dem DiL und den Computersimulationen so genaue Daten wie möglich zu sammeln, um bis zum ersten Training in der bestmöglichen Ausgangslage zu sein. Aber natürlich können Simulationen nie 100% genau sein. Sie sind nur so gut wie die Daten, auf denen sie basieren. Deshalb werden Simulationen nie dazu verwendet, um finale Entscheidungen zu treffen. Stattdessen werden sie als Hilfe eingesetzt, um die Richtung zu beeinflussen, für die sich die Ingenieure entscheiden. Sobald sie einen Weg eingeschlagen haben, liegt es an den Fahrern, reales Feedback zu geben, welches die Ingenieure dann weiterverarbeiten. Das komplette Fahrzeugmodell kann niemals perfekt sein und man kann den Grip des Asphalts nicht nachmodellieren und genau sagen, wie die Reifen darauf reagieren werden. Für einige Aspekte des Fahrzeugsetups, wie etwa die Flügeleinstellungen, lassen sich einfacher Informationen via Simulationen sammeln als für andere, wie zum Beispiel die Fahrzeugbalance oder das Gripniveau. Bei diesen ist das schwieriger, weil sie von mehr Faktoren abhängig sind – einige davon liegen außerhalb unseres Einflussbereichs, etwa das Wetter. Wir können für die Simulationen Annahmen treffen, aber erst wenn das Auto auf der Strecke ist, wissen wir wirklich, wie all diese Elemente miteinander interagieren. Das Wichtigste für die Renningenieure ist, zu verstehen, wie man die Informationen aus den Simulationen interpretieren muss und wie man unter Berücksichtigung der vorhandenen Einschränkungen die Daten mit jenen aus der realen Welt kombinieren und danach die richtigen Entscheidungen treffen kann.

Stat-Attack: Portugal und mehr

Portugal Grand Prix 2020 – Zeitplan
Session Ortszeit

(WEST/WET)

Brackley

(BST/GMT)

Stuttgart

(CEST/CET)

1. Training – Freitag 11:00-12:30 11:00-12:30 11:00-12:30
2. Training – Freitag 15:00-16:30 15:00-16:30 15:00-16:30
3. Training – Samstag 11:00-12:00 11:00-12:00 11:00-12:00
Qualifying – Samstag 14:00-15:00 14:00-15:00 14:00-15:00
Rennen – Sonntag 13:10-15:10 13:10-15:10 13:10-15:10

 

Strecken-Bilanz – Mercedes F1 beim Portugal Grand Prix
  Starts Siege Podestplätze Pole

Positions

Erste

Startreihe

Schn.

Runden

Ausfälle
Mercedes 0 0 0 0 0 0 0
Lewis

Hamilton

0 0 0 0 0 0 0
Valtteri

Bottas

0 0 0 0 0 0 0
MB Power 3 0 0 0 0 0 4

 

Technische Stats – Bisherige Saison (Barcelona Wintertest 1 bis heute)
  Runden

absolviert

Distanz

absolviert (km)

Kurven

durchfahren

Ganz-

wechsel

PETRONAS

Benzineinspritzungen

Mercedes 4.049 20.656 60.357 167.905 161.960.000
Lewis

Hamilton

2.054 10.473 30.648 85.535 82.160.000
Valtteri

Bottas

1.995 10.183 29.709 82.370 79.800.000
MB Power 11.274 80.388 167.922 466.724 450.960.000

 

Mercedes-Benz in der Formel 1
  Starts Siege Podestplätze Pole

Positions

Erste

Startreihe

Schn.

Runden

Doppel-

siege

Reine erste

Reihe

Mercedes

(Gesamt)

221 111 228 122 220 81 56 72
Mercedes (Seit 2010) 209 102 211 114 200 72 51 70
Lewis

Hamilton

261 91 160 96 155 51 N/A N/A
Valtteri

Bottas

150 9 53 14 35 15 N/A N/A
MB Power 491 197 497 205 400 176 87

Silberpfeil 2020 (Quelle: Mercedes AMG Petronas)


Werbung